| Abstract |
Das GUTmind-Programm wird als hybrides psychotherapeutisches Angebot im Rahmen einer Dualen Rehabilitation (Gastroenterologie/Psychosomatik) entwickelt, implementiert und evaluiert.
Das GUTmind-Programm umfasst therapeutische Maßnahmen, darunter „Inhouse“-Schulungen während der stationären Rehabilitation sowie „Offsite“-Schulungen mit persönlicher Nachbetreuung über einen Zeitraum von neun Monaten.
Die Idee für das Projekt gründet sich auf den Erkenntnissen aus unseren Studien zu den Indikationsgruppen Adipositas und Diabetes mellitus. Die psychologischen „Inhouse“-Programme, die im Rahmen der Projekte EDIP (311) und ADIPE (315) entwickelt wurden, waren speziell auf diese Zielgruppen zugeschnitten und haben eine erfolgreiche Evaluierung durchlaufen. Zudem haben wir die bisherigen Erfahrungen aus dem aktuell laufenden Projekt (316) RoReNa+ (Online-Nachbetreuungsangebot für Menschen mit Adipositas bzw. Diabetes mellitus) berücksichtigt.
Morbus Crohn (MC) und Colitis ulcerosa (CU), zwei Formen der chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen (CED), sind mit einer hohen Krankheitslast durch wiederkehrende gastrointestinale Symptome (z. B. Durchfälle, Bauchschmerzen), psychischen und sozialen Belastungen sowie eingeschränkter Arbeitsfähigkeit verbunden. Zu den häufig dokumentierten sozialen Belastungen bei CED zählen z. B. eine verringerte Leistungsfähigkeit (Hüppe et al., 2020; Langbrandtner et al., 2022). Aufgrund eines Krankheitsbeginns in jungen Jahren spielen direkte, aber auch indirekte Kosten eine große Rolle (Schnorbach & Kruis, 2021). In 26 % der Fälle erfolgte die Berentung vor dem 39. Lebensjahr (lt. Leitlinie zur sozialmedizinischen Beurteilung der Leistungsfähigkeit bei chronisch entzündlicher Darmkrankheit (CED) der DRV, 2011). Hauptgründe sind häufige Krankheitsschübe, Fatigue, psychische Belastungen sowie eine unzureichende Anpassung des Arbeitsumfelds an die individuellen Bedürfnisse. Besonders betroffen sind Berufe mit hoher körperlicher Belastung oder unflexiblen Arbeitszeiten (Langbrandtner et al., 2022).
Zudem kann das psychische Wohlbefinden und die gesundheitsbezogene Lebensqualität der Betroffenen durch eine CED-Erkrankung langfristig beeinträchtigt sein (Barberio et al., 2021; Farth, 2023; Knowles et al., 2018;). Neben den körperlichen Einschränkungen berichten viele Patienten-/innen über psychische Belastungen, z. B. Beeinträchtigungen im Sexualleben, Ernährungs-einschränkungen, Stress, Depressivität, Schlafstörungen, Fatigue-Symptomatik sowie eingeschränkte sozialer Teilhabe (Fath, 2023; Hüppe et al., 2013; Hüppe et al., 2020). Aufgrund einer bidirektionalen Kommunikation über die Darm-Hirn-Achse und andauernder Krankheitssymptome sowie aufgrund einer beeinträchtigten Lebensqualität und verminderten sozialen Funktionsfähigkeit können psychische Störungen wie Angstzustände und Depressionen Juli 2025 Hillebrand/Müller 3
häufiger auftreten. Bis zu ein Drittel leiden unter Angstsymptomen und ein Viertel unter Depressionssymptomen (Barberio et al., 2021).
In einem Review (39 Studien) berichteten McCombie et al. (2013), dass die Art und Qualität der individuellen Bewältigungsstrategien im Umgang mit der CED-Erkrankung wichtig seien. Förderlich haben sich emotionsbezogene psychotherapeutische Interventionen gezeigt. Sie stärken das Erleben von Selbstwirksamkeit, unterstützen die konstruktive Verarbeitung belastender Erfahrungen und tragen zur Verbesserung der psychischen Widerstandsfähigkeit (Resilienz) sowie der Krankheitsbewältigung bei (Ferreira et al., 2024; Sajadinejad et al., 2012). Zudem kann eine verbesserte Emotionsregulation mit einem stärkeren subjektiven Gefühl der Kontrolle über das Krankheitsgeschehen – unabhängig vom objektiven Entzündungsstatus – sowie mit einer höheren Lebensqualität verbunden sein (Gonzalez-Moret et al., 2020; Ferreira et al., 2024; Trindade et al., 2018). Ferner zeigten Studien, dass Patienten/-innen, die lernen, mit ihren Symptomen und emotionalen Belastungen konstruktiv umzugehen, über ein verringertes subjektives Stressempfinden berichten. Dies kann sich potenziell auch günstig auf die Entzündungsaktivität sowie psychische Flexibilität auswirken (Wynne et al., 2019).
Auf Basis dieser Erkenntnisse zeigt sich eine hohe Relevanz für psychotherapeutische Behandlungskonzepte bei CED. Diese Konzepte sollten auf die Förderung adaptiver Bewältigungsstrategien (erhöhte Stresstoleranz), eine verbesserte Emotionsregulation, eine Steigerung der Resilienz und Selbstwirksamkeit sowie die Reduktion depressiver und ängstlicher Symptome abzielen. Maßnahmen zu den oben genannten Themen, die auf kognitiv-verhaltenstherapeutischen, achtsamkeitsbasierten oder mitgefühlsfokussierten Ansätzen basieren, haben eine mittel- bis langfristige Verbesserung der Lebensqualität von Menschen mit CED gezeigt (Ferreira et al., 2018; Goren et al., 2022; Trindade et al., 2018).
Die in diesem Antrag aufgezeigten Studien und Befragungen wurden überwiegend im ambulanten Bereich (Akutkliniken, Praxen sowie Befragungen der betroffenen Population) durchgeführt. Im Reha-Bereich existieren bis dato nur einige in der Literatur berichtete Studien zur Wirksamkeit einer stationären Reha-Maßnahme bei CED. In der Studie von Hüppe et al. (2020) konnten positive Effekte einer dreiwöchigen Reha-Maßnahme aufgezeigt werden. Die Autoren weisen jedoch auch darauf hin, dass es sinnvoll erscheint, weitere Studien durchzuführen, die unterschiedliche therapeutische Rehabilitationsprogramme beinhalten und diese systematisch untersuchen.
An dieser Stelle setzt unsere Projektidee an: Ziel ist, innovative und integrative hybride Therapiekonzepte zu entwickeln, die auf die mittel- bis langfristige Stabilisierung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität sowie das seelische Wohlbefinden von CED-Betroffenen ausgerichtet sind. Die inhaltliche Ausarbeitung des hybriden Konzepts wird sich daher an den aufgeführten Therapiemaßnahmen und -inhalten orientieren. Dies schließt auch die Erweiterung der bisherigen Inhalte unserer Informationsplattform (www.rorena-rosenberg.de) um die relevanten CED-Inhalte mit ein. Ferner die Entwicklung einer Selbstmonitoring-/Feedback-App. Die mobile Anwendung soll so konzipiert sein, dass sie den Anforderungen für eine Beantragung der Zulassung als Medizinprodukt gerecht wird.
Die Entwicklung und erfolgreiche Evaluierung des hybriden GUTmind-Programms sowie die Zulassung der App als zertifiziertes Medizinprodukt könnten einen bedeutenden Beitrag zur zukünftigen CED-Therapie leisten, indem psychotherapeutische, ernährungswissenschaftliche und digitale Ansätze kombiniert werden.
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